Entwicklungsland Schule

Corona hat das deutsche Schulsystem auf eine harte Probe gestellt. Die Versäumnisse der letzten Jahrzehnte treten offen zutage. Aber auch jetzt mahlen die Mühlen nur langsam. Die Krise könnte eine Chance für die Modernisierung der Schule sein, aber mit zunehmenden Wiedereröffnungen wird das Interesse wieder schwinden.

Situationsbeschreibung

In den letzten Monaten war ein regulärer Schulbetrieb nicht möglich und daher mussten die Eltern einspringen und neben Job und Betreuung auch sicherstellen, dass die Kinder keine zu große Lücke in ihre Bildung schlagen. Ich kann das anhand meiner Erfahrungen mit einem Drittklässler beschreiben, aber die Geschichten anderer Eltern klingen ähnlich. Fakt ist wohl, dass in dieser Zeit die Qualität der Bildung stark von den Eltern beeinflusst wird. Das heißt aber auch, dass Kinder deren Eltern keine Bildung leisten können oder wollen, auf der Strecke bleiben.

Aus diesem Grund ist es wichtig, dass die Lehrer den Kontakt zu ihren Schülern aufrechterhalten und auch weiterhin eine Linie und frische Inhalte liefern. Das ist aber häufig nicht der Fall und das liegt unter anderem daran, dass die Möglichkeiten der modernen Technik noch nicht bei vielen Schulen und deren Personal angekommen sind. Und ich spreche hier nicht von der Erstellung von Lernvideos, interaktiven Inhalten, sondern von E-Mails senden und drucken.

Chancen

Diese lange Zeit hätte dahingehend eine Chance sein können, dass gegen diese Missstände hätte beseitigt werden können. Da direkter Kontakt nicht möglich war, bliebe also die Kommunikation via Internet.

  • Chance 1: Schulen, Lehrer und Schüler mit passender Hardware und schnellem Internetzugang ausstatten

In der Praxis scheitert das an Bürokratie, aber auch an fehlendem Personal, dass die Geräte anschafft, vorinstalliert, verteilt und wartet.

Wären diese Voraussetzungen allerdings geschaffen - und sie sind eigentlich bei ca. 90% der Familien schon vorhanden - dann ginge es weiter mit der nächsten Chance.

  • Chance 2: Virtueller Unterricht

Besonders bei Grundschülern die noch nicht lange ruhig vorm Rechner sitzen können und auch noch nicht sehr vertraut sind mit der Technologie, ist es wichtig einen extrem einfachen Zugang zu haben. In der Realität wird versucht mit Jitsi und Co. eine "Stunde" durchzuführen, aber mit 30 Teilnehmern ist das auch für Erwachsene kein Spaß. Bessere angepasste Software und die Möglichkeit in kleineren Gruppen zu arbeiten scheinen hier ein guter Weg. Neue Unterrichtsformen müssten für diese Medien entwickelt werden. Soweit mir bekannt ist, hat sich aber in den letzten 3 Monaten in NRW niemand um so etwas gekümmert, jedenfalls ist in den Schulen noch nichts davon angekommen.

Lösungsideen

Als Software-Entwickler habe ich mir früh überlegt, ob ich mich einbringen könnte. Der #WirVsVirus Hackathon der Bundesregierung erschien mir ein guter Startpunkt. Mit dem von mir initiierten Project Peer.School wollte ich eine sichere und extrem einfache Platform für Video und Whiteboard schaffen. Es fanden sich auch mehrere Mitstreiter und das Projekt mündete in einem vielversprechenden Prototypen. Allerdings waren die Veranstalter über mehrere Förderrunden der Meinung, das Projekte aus dem Bildungsbereich uninteressant seien, weil es schon so viel "Fertiges" gäbe. Ich frage mich, wo ist das dann und warum wird es nicht eingesetzt?

Ich bin der Meinung, dass hier große Chancen vertan wurden. Viele Top-Leute, die während Corona merkten, das was geschehen muss, waren motiviert zu helfen. Aber in Berlin und Düsseldorf wird im Bereich Innovation von unten und bei der Förderung von Open Source nur klein gedacht. Lieber wird geschaut, ob große Häuser wie Microsoft etwas zurechtbasteln können und sich dann in langfristige Abhängigkeiten begeben.

Aus dieser Sackgasse sollten wir heraus und im Lande Open Source Software entwickeln, die die Probleme vor Ort optimal lösen und keine Abhängigkeiten schaffen, sondern die Freiheit anzupassen und zu erweitern wie es notwendig ist.

Ein Beispiel: BigBlueButton

Zum Schluss noch eine kurze Installationsanleitung für eine offene Software, die meiner Meinung nach in die richtige Richtung geht und ein Ausgangspunkt für solche Entwicklungen jedenfalls im Schulbereich sein könnte. Es handelt sich um BigBlueButton, einer erprobten Video- und Whiteboard-Software.

In diesem Beispiel beziehe ich mich auf einen virtuellen Server von Hetzner mit Ubuntu 16.04, 2 bis 4 CPUs, 4 bis 8 GB RAM (CX21 oder CPX31). Benutzt wird das Installationstool von https://github.com/bigbluebutton/bbb-install.

Nach der Einrichtung des Servers und Login via SSH:

wget -qO- https://ubuntu.bigbluebutton.org/bbb-install.sh | bash -s -- -w -v xenial-22 -a -g -s example.com -e joe@example.com

Erstellung des Administators:

cd greenlight/
docker exec greenlight-v2 bundle exec rake admin:create

Voila, schon ist der Schulserver für den Unterricht einer ganzen Schule fertig, für unter 200 EUR im Jahr.