Es gab eine Zeit, da war es einfach, Software weltweit zu verkaufen. Du hattest ein PayPal-Konto, hast ohne Umsatzsteuer verkauft und dem Finanzamt am Ende des Jahres gesagt, wie viel es insgesamt war. Heute ist das kaum noch zu machen, zumindest von Europa aus.
Warum nicht in den App Store?
“Aber hey, es gibt doch die App Stores, die nehmen sämtliche Arbeit ab.” Das stimmt teilweise, zumindest was die Abrechnung und die Steuer betrifft, aber dafür gibt es andere Nachteile wie: Review jeder einzelnen App-Version; vieles ist technisch und inhaltlich verboten im App Store; du weißt nichts über deine Kunden; die Gebühren liegen zwischen 15 % und 30 %; ausgezahlt wird zwar in Euro, aber zu Apples eigenem Kurs am Auszahlungstag statt am Verkaufstag; Apple kann dich jederzeit rausschmeißen und dann versuche mal gegen den Billionen-Dollar-Konzern anzustinken.
Was ist so kompliziert?
Keine Steuerberatung
Ich bin Softwareentwickler, kein Steuerberater. Alles hier ist meine Erfahrung aus dem eigenen Verkauf, keine Steuer- oder Rechtsberatung. Die Regeln ändern sich laufend und hängen an deinem Einzelfall — für Verbindliches frag bitte deinen Steuerberater.
Im eigenen Land, in meinem Fall Deutschland, Dinge zu verkaufen ist vergleichsweise überschaubar: du schreibst eine Rechnung mit der Umsatzsteuer deines Landes und fertig.
Verkaufst du aber ins EU-Ausland, so musst du für Software-Verkäufe den Regelsteuersatz des Ziellandes anwenden (und kennen). Ist dein Kunde ein Unternehmen, kannst du nach der Umsatzsteuer-Identifikationsnummer (USt-IdNr., international VAT ID) fragen und dann eine “Reverse Charge”-Rechnung stellen, also ohne Steuer, er soll sich drum kümmern. War die VAT ID aber falsch, schuldest du wieder diesen Betrag deinem Finanzamt. Weltweit hat dann jedes Land nochmal seine eigenen Regeln und in manchen musst du direkt im Zielland dann die Umsatzsteuer abführen, das hängt von Mindestumsätzen ab, die von 0 bis in die 100.000de gehen können.
In Europa gibt es zum Glück Ausnahmen — unter 10.000 Euro Jahresumsatz im EU-Ausland darfst du einfach deinen heimischen Steuersatz nehmen — und ansonsten das One-Stop-Shop (OSS) Verfahren. Dadurch brauchst du die Steuern schon mal nicht in jedem EU-Land einzeln melden, aber du musst immer noch wissen, welche Steuern zu berechnen sind. Und das ist nicht einmal innerhalb eines Landes einheitlich: Helgoland gehört zu Deutschland, umsatzsteuerlich aber zum Drittlandsgebiet (§ 1 Abs. 2 UStG) — deutsche Umsatzsteuer fällt dort keine an. Dasselbe gilt für Büsingen am Hochrhein, die deutsche Enklave mitten in der Schweiz. Andere EU-Länder haben ihre eigenen Sonderzonen. Deswegen wird überall die Postleitzahl abgefragt. Kannst du in der Kategorie unnützes Wissen abspeichern ;)
Wie komme ich an mein Geld?
Jetzt wissen wir, wie wir die Daten auf Rechnung machen müssen und wie das mit den Steuern geht. Aber wir müssen ja auch noch an das Geld kommen. Kein Problem, wir nehmen einfach PayPal. Aber nicht alle wollen oder können PayPal nutzen und wenn PayPal richtig schlechte Laune bekommt, weil ein Kunde gemeckert hat, dann machen die deinen Account einfach zu.
Also nehmen wir doch einen Zahlungsanbieter und davon gibt es weniger als du vielleicht denkst. Die allermeisten nutzen Stripe, die sind quasi überall drin. Fairerweise: Für einen europäischen Händler läuft das über Stripes irische Gesellschaft und wird in Euro ausgezahlt. Aber sobald ein Kunde in einer anderen Währung zahlt, wird umgerechnet, und das kostet rund 2 %. Und genau da sitzt das eigentliche Problem: Wir wohnen hier mit dem Euro, greifen aber auf Anbieter zurück, deren Leitwährung intern der Dollar ist. Jede Station, die umrechnet, verdient mit — und den Kurs setzt nie du.
Also könnten wir einen europäischen Zahlungsanbieter wählen wie Mollie. Die machen dann aber auch wirklich nichts anderes als das Geld entgegenzunehmen und Gebühren dafür zu nehmen. Wenn ein Kunde dann eine Zahlung zurücknimmt, ohne dir die Chance zu geben einen Refund zu machen, bist du bei einigen Zahlungswegen gleich über 10 EUR los, da zahlst du drauf.
Aber das muss doch einfacher gehen? Merchant of Record
Vieles von dem kannst du dir sparen, wenn du einen so genannten Merchant of Record (MoR) nutzt. Der verkauft dann in seinem Namen auf seine Rechnung deine Software. Er kümmert sich um alle Steuerangelegenheiten und du bekommst einmal im Monat das Geld, abzüglich der Steuern und seiner Gebühren überwiesen.
Ich nutze seit Jahren Paddle aus London und das funktioniert auch wirklich ganz gut. Man kann sogar alles in Euro führen, womit einige Verluste vermieden werden. Deren Support ist zwar nicht besonders schnell, aber er funktioniert. Du kennst alle Kunden und deren Daten. Aber auch ein MoR hat Regeln und verkauft nicht alles. Außerdem musst du auch vertrauen, dass das immer gut funktioniert.
Kürzlich musste dann aber die Website zu einem meiner Produkte aus inhaltlichen Gründen nochmal in eine zweite Prüfung. Das hat sich geklärt, Paddle hat es zeitnah gelöst — trotzdem habe ich es zum Anlass genommen, mich mal im MoR-Markt umzusehen. Einfach als Plan B für den Worst Case. Und da gibt es gar nicht so viele, die wirklich passen…
MoR gibt es mehr als die, die ich hier nenne — mir ging es um das Muster, das sich durch fast alle zieht: Sie sitzen nicht in der EU. Lemon Squeezy gehört inzwischen Stripe und wandert erkennbar Richtung Stripe Managed Payments — da würde ich nicht mehr neu anfangen. FastSpring gibt es seit den Anfangstagen und sieht auch noch so aus. Beide USA. Und selbst das frische Schweizer Startup tiun nutzt Stripe, da ist man wieder halb in den USA.
Ein MoR aus der EU wäre also gut. Es gibt sie sogar, nur in zwei Sorten: jung und unfertig oder alt und auf Konzerne zugeschnitten. Creem aus Estland bietet nur eine kleine Palette von Zahlungsmethoden, sogar ohne PayPal, was ungefähr die Hälfte meiner Käufer nutzt. cleverbridge aus Köln und Nexway aus Frankreich gibt es dagegen seit über zwanzig Jahren — aber mit Jahresgebühr, Preisen auf Anfrage und einem Vertriebsgespräch statt eines Anmeldeformulars. Für einen Einzelentwickler ist das nichts. Bleibt noch die Hoffnung auf Vatly aus den Niederlanden mit Europe-first-Ansatz — bisher allerdings nur eine Warteliste.
Jedenfalls ist die Auswahl für kleine Indie-Software-Hersteller am Ende ziemlich dünn. Bestimmten Firmen begegnet man hier immer wieder, zum Beispiel ist auch der alternative Distributionsweg Setapp mit Paddle verwoben und auch Stripe ist überall und wollte sogar PayPal übernehmen — über 50 Milliarden Dollar zusammen mit dem Investor Advent, PayPals Verwaltungsrat fand es zu wenig, Ende August 2026 waren die Pläne wieder vom Tisch.
Wünsche
Von rechtlichen Aspekten, E-Rechnungen und verschiedenen Währungen habe ich noch gar nicht geredet. Wünschenswert wäre, wenn das alles viel einfacher und sorgloser wäre. Wenn die EU im Interesse ihrer Bürger die Grundlagen schaffen würde für Einzelunternehmer sehr einfach weltweit Software zu verkaufen ohne sich intensiv damit zu beschäftigen oder auf Händler angewiesen zu sein, weil es selber kaum realistisch zu schaffen ist. Dann könnte die Welt wieder etwas mehr zusammenrücken.
P.S.
Natürlich hat mich das Thema getriggert und ich habe mir einen eigenen kleinen Shop programmiert, mit Kaufdialog und allem Gelernten. Ob ich ihn wirklich nutzen werde, weiß ich allerdings noch nicht…
Lass uns zusammenschließen
Falls du dich auch mit dem Thema auseinander setzt, freue ich mich sehr über deinen Kontakt.
Veröffentlicht am 2. September 2026
